Mehr Einsatz für sexuell missbrauchte Kinder
Fachkräfte der Erziehungsberatung von Caritas und Diakonie bilden sich dafür fort
Die Erziehungsberatung Eichstätt will sich verstärkt für Kinder und
Jugendliche einsetzen, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. Das
hat deren Leiterin Carmen
Okhuysen
mitgeteilt. Da es
im Landkreis Eichstätt kein umfassendes präventives Angebot für sexuell
missbrauchte Kinder gebe, haben
Okhuysen
zufolge das
Jugendamt sowie der Caritasverband Eichstätt und das Diakonische Werk
Ingolstadt als Träger die Einrichtung aufgefordert, sich des Problems stärker
anzunehmen. Wie jede Beratung der Stelle soll auch diese für Hilfesuchende
kostenlos und auf Wunsch anonym sein. „Die vier Fachkräfte unserer
Erziehungsberatung mit psychologischer, sozialpädagogischer und
familientherapeutischer Ausbildung werden in den kommenden Wochen an einer
mehrtägigen Fortbildung mit aktuellen Themen zur Problematik sexueller
Missbrauch an Kindern und Jugendlichen teilnehmen“, kündigt die
Einrichtungsleiterin an.
Problem stellt sich oft erst mit der
Zeit heraus
Im vergangenen Jahr haben sich nach Angaben der Eichstätter Erziehungsberatung
zwar lediglich fünf Familien dezidiert mit einem solchen Problem bei dieser
angemeldet. „Das Thema ist jedoch heikel und es ist für Betroffene schwer,
sexuellen Missbrauch gleich als Grund anzugeben. Es kommt immer wieder vor,
dass Opfer zunächst wegen anderer Probleme wie zum Beispiel Lernschwierigkeiten
kommen, sich dann im Laufe der Beratung aber auch Schwerwiegenderes wie diese
Problematik an Kindern herausstellt“, erklärt
Okhuysen
.
Sie verweist darauf, dass nach konservativen Schätzungen jedes 30. Kind in
Deutschland von sexuellem Missbrauch betroffen sei, deren kindliche Unschuld
also für die sexuelle Befriedigung anderer missbraucht werde. Andere
Erhebungen, in denen auch mitgezählt wird, wenn es zu ungewollten Kontakten mit
pornografischen Inhalten und Exhibitionisten kommt, nennen laut Carmen
Okhuysen
sogar jedes fünfte Kind. „Es ist zu vermuten, dass
mehrere Kinder an jeder Schule betroffen sind“, folgert sie.
In der Eichstätter Erziehungsberatung wird nach Auskunft der Leiterin
die telefonische Sprechstunde donnerstags von 16 bis 17 Uhr immer wieder einmal
von vor allem Erziehern und Lehrern genutzt, um auf sexuellen Missbrauch bei
jungen Menschen aufmerksam zu machen: „zum Beispiel, wenn ein Kind etwas
zeichnet, das darauf hinweist oder wenn ein Kind andere Kinder auf der Toilette
zu sexuellen Handlungen zwingt oder wenn ein Mädchen distanzlos wirkt und
sexualisiertes Verhalten zeigt, das untypisch für das Alter ist“, nennt die
Erziehungsberaterin einige Beispiele und folgert. „Derzeit bleibt vieles unter
der Decke, das hervorgeholt werden müsste, denn bei sexuellem Missbrauch kann
nur wirklich mit professioneller Beratung geholfen werden.“
Die Beratung, betont sie, helfe dann oft nicht nur den direkt
betroffenen Kindern, sondern auch den Erziehungsberechtigten, beispielsweise
bei Schuldgefühlen: „Wir nehmen uns etwa die Zeit und setzen unser
therapeutisches Können ein, um einer Mutter zu helfen, die nicht damit fertig
wird und sich nicht verzeihen kann, es mehrere Jahre nicht bemerkt zu haben,
dass ihrem Kind sexuelle Gewalt angetan wurde.“ Die Erfahrung, dass die meisten
Täter aus der eigenen Familie oder dem nahen Umfeld des betroffenen Kindes
stammten, stelle zusätzlich für die Beratung eine große Herausforderung dar.
„Da kann es vorkommen, dass die ganze Familie mit Scham besetzt ist“, so Carmen
Okhuysen
.
Nach ihrer Mitteilung werden die derzeitigen
Fachkräfte zunächst alleine die Herausforderung annehmen, intensiver für
sexuell missbrauchte Kinder und deren Familien da zu sein. „Wenn sich zeigt,
dass viele Betroffene auf uns zukommen – was unser Anliegen ist – dann werden
wir natürlich gemeinsam mit unseren Trägern über eine Stellenerweiterung
nachdenken“, versichert die Einrichtungsleiterin. Sie betont, dass „alle
Familien einen gesetzlichen Anspruch auf pädagogische und psychologische
Beratung in Fragen der Entwicklung und Erziehung haben – und das natürlich
unter Wahrung der Schweigepflicht“.
Für von sexuellem Missbrauch betroffene
Kinder und Jugendliche ist nach Überzeugung der Diplom-Psychologin Prävention
besonders wichtig, um nachhaltige Störungen zu verhindern. Das Jugendamt könne
schließlich nicht überall präsent sein, um Gewalt und Missbrauch zu
kontrollieren. „Es ist notwendig, dass Menschen, denen etwas auffällt, eine
vertrauensvolle Stelle haben, an die sie sich wenden können, damit die nötigen
Schritte in der richtigen Art und Weise eingeleitet werden können“, fasst
Carmen
Okhuysen
den Auftrag an die Einrichtung
zusammen.
Weiterer Baustein für möglichst
umfassende Beratung
Die verstärkte Beratung und Hilfe für junge Menschen, die Opfer
sexueller Gewalt wurden, sieht die Erziehungsberatung als weiteren Baustein, um
eine möglichst umfassende psychologische Beratung für Kinder, Jugendliche und
Familien zu leisten. Sie leistet grundsätzlich Beratung und Therapie bei
Erziehungsfragen, Verhaltensauffälligkeiten, Schul- und Leistungsproblemen,
Gewalt und Missbrauch, sozialen und emotionalen Problemen, Krisen in Familie
und Partnerschaft, Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten von
Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Kontakt: Erziehungs- und Familienberatung Eichstätt,
Ostenstraße 31a (
Speth’scher
Hof), 85072 Eichstätt,
Tel. 0 84 21 / 85 65,
E-Mail
:
erziehungsberatung@caritas-eichstaett.de